Der Wideraufbau des westfälischen Schützenwesens.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das deutsche Schützenwesen vor einem nahezu vollständigen Neuanfang. Viele Schießstände waren zerstört, Schützenhäuser beschlagnahmt und Sportwaffen verboten. Fahnen und andere Erinnerungsstücke waren im Krieg verloren gegangen oder beschädigt worden. Nach fast zehn Jahren der Einschränkungen hielten viele Beobachter eine Wiederbelebung der Schützentradition für kaum vorstellbar.
Doch in zahlreichen Orten fanden sich Idealisten, die an der Idee des Schützenwesens festhielten. Mit großem persönlichem Einsatz gründeten sie Vereine neu oder nahmen deren Tätigkeit wieder auf. Anfangs mussten sie improvisieren: Schützenfeste wurden veranstaltet, Wettbewerbe mit Armbrust, sowie Pfeil und Bogen ausgetragen. Später kamen Luftgewehre zum Einsatz. Damit war der Grundstein für einen Wiederaufbau gelegt, der das westfälische Schützenwesen innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend verändern sollte.
Der Weg zur Wiedergründung
Einzelne Schützenvereine konnten ihre Interessen gegenüber Behörden und Besatzungsmächten nur schwer vertreten. Deshalb wurde der Ruf nach einem gemeinsamen Verband immer lauter. Am 6. August 1950 kam es in Gelsenkirchen-Buer-Erle-Middelich zur Neugründung des Westfälischen Schützenbundes. Die konstituierende Versammlung folgte am 25. Februar 1951 in Dortmund.
Damit knüpfte der Verband an eine Tradition an, die bis zum Zusammenschluss westfälischer Schützen im Jahr 1861 zurückreichte. Der zunächst provisorisch gebildete Vorstand unter Paul Kempke betonte sowohl die überlieferten Bräuche als auch die Entwicklung des sportlichen Schießens. Am 28. Februar 1951 wurde schließlich der neue Vorstand gewählt. Für die Bezirke Arnsberg, Münster und Detmold wurden zunächst kommissarische Vorsitzende eingesetzt. Die Entwicklung in Westfalen war Teil einer größeren Bewegung. In vielen Regionen entstanden wieder Landesverbände. Auf Anregung des Nordwestdeutschen Schützenbundes trafen sich am 7. und 8. April 1951 in Bad Nauheim Vertreter der bereits gegründeten Verbände. Dort entstand die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schützenverbände, welche die Gründung einer nationalen Dachorganisation vorbereitete.
Am 16. September 1951 wurde der Deutsche Schützenbund in Frankfurt am Main gegründet. Die feierliche Proklamation erfolgte am 18. November desselben Jahres in Köln. Bereits 1952 konnte wieder eine deutsche Mannschaft an den Olympischen Spielen in Helsinki teilnehmen. Das deutsche Sportschießen war damit auch auf die internationale Bühne zurückgekehrt.
Prägende Persönlichkeiten
Zu den wichtigsten Wegbereitern des Wiederaufbaus gehörte Paul Kempke. Bereits 1949 hatte er die westfälischen Vereine zur Wiedergründung ihres Verbandes aufgerufen. Kempke, der schon seit 1927 als Gauschießwart tätig gewesen war, wurde für seine Verdienste zum Ehrenpräsidenten des Westfälischen Schützenbundes ernannt. 1961 veröffentlichte er zudem ein Buch über die Schützengeschichte Westfalens. Erster Präsident des wiedergegründeten Verbandes wurde der Dortmunder Jurist Dr. Albert Hilverling. Er hatte sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg als aktiver Schütze engagiert und wirkte maßgeblich am organisatorischen Wiederaufbau sowie an der Gründung des Deutschen Schützenbundes mit. Bis 1963 führte er den Westfälischen Schützenbund.
Sein Nachfolger Albert Kreiskorte prägte den Verband zwei Jahrzehnte lang. Kreiskorte war seit 1932 Mitglied des Bürgerschützenvereins Lüdenscheid und hatte sich nach dem Krieg für die Freigabe des beschlagnahmten Vereinsvermögens eingesetzt. 1959 wurde er zum Vizepräsidenten des Westfälischen Schützenbundes gewählt, 1963 übernahm er das Präsidentenamt. Während seiner Amtszeit erlebte der Verband einen starken Aufschwung. In Dortmund entstand ein Landesleistungszentrum, zugleich erhielt die Jugendarbeit einen höheren Stellenwert. Für seine Verdienste wurde Kreiskorte unter anderem mit dem Ehrenring des Deutschen Sportbundes und des Westfälischen Schützenbundes ausgezeichnet. 1981 erhielt er das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.
Vom Schützenbrauch zum modernen Sport
Nach der Wiedergründung entwickelten sich zwei Bereiche nebeneinander: das Traditionsschießen und das Sportschießen. Das Traditionsschießen blieb eng mit örtlichen Bräuchen und dem geselligen Vereinsleben verbunden. Im Mittelpunkt standen Titel wie der des Schützenkönigs sowie Pokale und andere Ehrenpreise. Das Sportschießen orientierte sich dagegen zunehmend an Training, Leistung und geregelten Wettkämpfen. Grundlage waren die Sportordnungen des Deutschen Schützenbundes, die zugleich von internationalen Entwicklungen beeinflusst wurden. Seit dem Ende der 1950er-Jahre gewann dieser leistungsorientierte Bereich stark an Bedeutung. Viele Vereine öffneten sich dem Breiten- und Leistungssport, ohne ihre traditionellen Aufgaben aufzugeben.
Eine wichtige Rolle spielte dabei der Ausbau der Sportleitung. Erster Bundesschützenmeister des wiedergegründeten Verbandes war Wilhelm Lang aus Meinerzhagen. Bereits 1952 oder 1953 übernahm Heinrich Prekel aus Münster die sportliche Leitung. Er blieb bis 1976 im Amt und prägte damit über zwei Jahrzehnte die Entwicklung des westfälischen Schießsports. Mit der wachsenden Zahl der Disziplinen wurden weitere Fachreferenten eingesetzt, unter anderem für Bogen-, Gewehr-, Pistolen- und Wurftaubenschießen. Auch Frauen erhielten nach und nach eine stärkere organisatorische Stellung. 1962 forderte der Deutsche Schützenbund die Vereine dazu auf, eigene Damenabteilungen einzurichten. Im Westfälischen Schützenbund wurde 1976 mit Marlies Wimmer erstmals eine Landesdamenleiterin berufen. Zwei Jahre später folgte Helga Färber. Ebenfalls Ende der 1970er-Jahre wurde mit Dr. Rainer Norpoth ein Verbandsarzt in die Leitung und die Sportkommission aufgenommen.
Das Luftgewehr als Motor des Aufschwungs
Von besonderer Bedeutung war die Entwicklung des Luftgewehrschießens. Nach dem Krieg erlaubten die Behörden zunächst nur sehr eingeschränkte Formen des Schießsports. Viele erfahrene Schützen betrachteten das Luftgewehr anfangs skeptisch und sahen darin eher ein Gerät für Schießbuden als eine ernst zu nehmende Sportwaffe. Deutsche Hersteller wie Walther, Diana und Weihrauch entwickelten jedoch präzise und zuverlässige Luftgewehre für den Wettkampfsport. Schon ab 1953 verbreiteten sich die neuen Modelle rasch in den Vereinen. Das Luftgewehr wurde schließlich zum wichtigsten Sportgerät vieler Schützenvereine.
Für seinen Erfolg gab es praktische Gründe: Die Waffen und die Munition waren vergleichsweise preiswert, der Unterhalt der Anlagen verursachte geringere Kosten und für einen Luftgewehrstand wurde lediglich eine Distanz von zehn Metern benötigt. Neue mechanische und elektrische Scheibenzuganlagen erleichterten zusätzlich den Betrieb. Dadurch konnten auch Menschen mit geringeren finanziellen Möglichkeiten am Schießsport teilnehmen. Besonders für Jugendliche und Frauen entstanden neue Trainings- und Wettkampfangebote. Das Luftgewehr trug somit entscheidend zur Öffnung der Vereine, zur Nachwuchsförderung und zur Entwicklung des Breitensports bei. Später nahm auch die Luftpistole einen festen Platz im Sportprogramm ein.
Der lange Weg zu rechtlicher Normalität
Der Wiederaufbau blieb eng mit der Entwicklung des Waffenrechts verbunden. Die alliierten Bestimmungen aus dem Jahr 1950 begrenzten die zugelassenen Sportwaffen zunächst auf Gewehre mit einem Kaliber von höchstens acht Millimetern. Pistolen und Revolver waren ausgeschlossen, Sportwaffen waffenscheinpflichtig und ihre Zahl stark begrenzt. Im April 1952 stimmte die Alliierte Hohe Kommission einer Freigabe von 65.000 Kleinkalibergewehren im Kaliber 5,6 Millimeter zu. Waffenscheine durften allerdings nur an Vereine ausgegeben werden, die dem Deutschen Schützenbund angehörten. Zudem blieb die Zahl der Waffen anfangs von der Mitgliederstärke abhängig, und die Waffen mussten Eigentum der Vereine bleiben. Die folgenden Jahrzehnte brachten weitere gesetzliche Veränderungen. 1968 verabschiedete der Bundestag ein neues Bundeswaffengesetz. Das erste umfassende bundesdeutsche Waffengesetz entstand 1972 und trat am 1. Januar 1973 in Kraft. Es führte unter anderem die Waffenbesitzkarte ein und regelte die Aufbewahrung sowie das Führen von Waffen genauer.
Für die Jugendarbeit hatte das Gesetz allerdings einschneidende Folgen: Sportschießen für Kinder unter zwölf Jahren war grundsätzlich nicht mehr erlaubt. Nach Gesprächen des Westfälischen Schützenbundes mit dem nordrhein-westfälischen Innenministerium wurden ab 1976 Ausnahmen ermöglicht. Seit 1979 mussten diese jedoch für jedes Kind oder jeden Jugendlichen persönlich beantragt und besonders begründet werden.
Vom Neubeginn zum Großverband
Die Mitgliederzahlen zeigen, wie erfolgreich der Wiederaufbau verlief. Am Ende des ersten Geschäftsjahres gehörten dem Westfälischen Schützenbund bereits 69 Vereine mit insgesamt 1.310 Mitgliedern an. 1954 waren 7.094 Mitglieder registriert. Im Jahr 1957 zählte der Verband 10.277 aktive Schützen und 1.216 Jungschützen. Bis 1966 stieg die Gesamtzahl auf 60.240 Mitglieder. Nach einer Phase moderateren Wachstums setzte ab 1972 erneut eine stärkere Zunahme ein. 1981 gehörten dem Westfälischen Schützenbund schließlich 88.038 Menschen an. Bereits 1963 war er der viertgrößte Landesverband innerhalb des Deutschen Schützenbundes.Diese Entwicklung verdeutlicht, wie aus schwierigen Anfängen innerhalb von drei Jahrzehnten ein moderner und leistungsfähiger Sportverband entstand. Entscheidend dafür waren das ehrenamtliche Engagement zahlreicher Mitglieder, die organisatorische Arbeit der Verbandsführung, die technische Entwicklung der Sportgeräte und die schrittweise rechtliche Normalisierung. Gleichzeitig blieben traditionelle Feste, örtliche Bräuche und das gesellschaftliche Vereinsleben erhalten.
Die Geschichte des wiedergegründeten Westfälischen Schützenbundes ist deshalb nicht nur eine Geschichte des sportlichen Erfolgs. Sie erzählt auch davon, wie Menschen nach Krieg und Zerstörung gemeinschaftliche Strukturen neu aufbauten und dabei Tradition mit gesellschaftlichem und sportlichem Wandel verbanden.
Quelle: Karl Eckart - 150 Jahre Westfälischer Schützenbund (1861-2011)
