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WSB Zeitreise - Fahnen, Königsketten und gelebte Gemeinschaft

Die westfälischen Schützentage, ein lebendiges Stück Verbandsgeschichte

Seit 1951 bilden die Westfälischen Schützentage einen festen Bestandteil des Verbandslebens. Ursprünglich vor allem als Delegiertenversammlung des Westfälischen Schützenbundes gedacht, entwickelten sie sich schon bald zu weit mehr als einer Arbeitstagung. Ein wachsendes Rahmenprogramm, feierliche Zeremonien, gemeinsame Ausflüge und die Pflege überlieferter Bräuche machten sie zu einem wichtigen Treffpunkt der westfälischen Schützenfamilie.

Während bei den zahlreichen Wettkämpfen zunehmend der sportliche Leistungsgedanke im Mittelpunkt stand, bewahrten die Schützentage bewusst den traditionellen Charakter des Schützenwesens. Damit kam der Verband jenen Mitgliedern entgegen, denen Heimatverbundenheit, Brauchtum und festliche Gemeinschaft besonders wichtig waren. Im Laufe der Jahre wurden die Veranstaltungen so zu einer Verbindung zwischen Verbandsarbeit, öffentlicher Darstellung und lebendiger Tradition.

Ein neues Banner als Zeichen des Aufbruchs

Zu den herausragenden Ereignissen der frühen Schützentage gehörte die Übergabe des neuen Bundesbanners im Jahr 1956. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaß dieses Ereignis eine besondere Bedeutung. Zahlreiche Vereine hatten ihre historischen Fahnen verloren. Manche waren durch Kriegseinwirkungen vernichtet, andere von den Siegermächten als Trophäen oder Beutestücke mitgenommen worden. Auch das alte Banner des Westfälischen Schützenbundes war nicht mehr vorhanden.

Erst Mitte der 1950er-Jahre erhielt der Verband ein neues Bundesbanner. Seine Entstehung war vor allem dem Schützenkreis Gelsenkirchen und den angeschlossenen Vereinen unter der Leitung ihres Vorsitzenden Walter Holz zu verdanken. Der Gelsenkirchener Kunsthandwerker Johannes Trompeter fertigte das aufwendig gestaltete Banner innerhalb von nur fünf Wochen in seiner sogenannten Notwerkstatt an. Trompeter hatte im Krieg selbst sein gesamtes Hab und Gut verloren. Beim Westfälischen Schützentag 1956 in Gelsenkirchen wurde das Banner während einer öffentlichen Feierstunde geweiht und dem Verband übergeben. Der Gelsenkirchener Oberbürgermeister Geritzmann nahm es zunächst für ein Jahr in die Obhut der Stadt. In den folgenden Jahren wurde das Banner jeweils jener Stadt anvertraut, die den nächsten Westfälischen Schützentag ausrichtete. Dadurch entstand eine symbolische Verbindung zwischen dem Bundeszeichen und den wechselnden Gastgebern.

Westfalens Geschichte in Stoff und Farbe

Das neue Banner sollte dem verlorenen Vorgänger möglichst ähnlich sein. Deshalb wählte man die traditionellen Grundfarben Schwarz, Weiß und Grün. Auch die Wappen der historischen Gründungsstädte wurden in die Gestaltung aufgenommen. Mit einer Größe von 90 mal 130 Zentimetern entsprach das Fahnentuch ebenfalls dem alten Banner. Die Vorderseite aus dunkelgrünem Samt zeigt in ihrer Mitte das Westfalenwappen mit dem weißen steigenden Ross. Silberne Fäden heben das Pferd deutlich vom Untergrund ab. Goldene Leisten auf hellgrünem Grund fassen die Gestaltung ein und geben ihr einen feierlichen Charakter.

Im unteren Drittel befindet sich die Lippische Rose. In den oberen Ecken erscheinen die Wappen von Osnabrück, Soest, Hamm und Hagen. Dazwischen stehen in goldener Schrift die Buchstaben „WSB“. Die Aufnahme Osnabrücks war dabei von besonderer historischer Bedeutung: Die Stadt hatte zu den Mitbegründern des Westfälischen Schützenbundes gehört, war 1934 jedoch aus dem Gau Westfalen herausgenommen und dem Gau Nordsee zugeordnet worden. Auf der Rückseite steht innerhalb eines goldfarbenen Eichenkranzes die Aufschrift „Westf. Schützenbund e. V. gegr. 1861“. In den Ecken befinden sich die Wappen der weiteren Gründungsstädte Dortmund, Bochum, Münster und Bielefeld. Im unteren Bereich erhielt das Wappen Gelsenkirchens einen besonderen Ehrenplatz.

Diese Würdigung erinnerte daran, dass die Schützen der Stadt vor und nach dem Zweiten Weltkrieg besonders große Opfer gebracht hatten. Außerdem war das alte Bundesbanner zusammen mit zahlreichen anderen Unterlagen aus Gelsenkirchen geraubt worden. Das neue Banner wurde damit nicht nur zu einem Verbandszeichen, sondern zugleich zu einem sichtbaren Symbol für Verlust, Wiederaufbau und Zusammengehörigkeit.

Wechselnde Gastgeber und ein fester Termin

Die Westfälischen Schützentage fanden an unterschiedlichen Orten innerhalb des Verbandsgebiets statt. Bis 1969 wurden sie im Frühjahr veranstaltet. Im Jahr 1970 gab es mit den Treffen in Letmathe und Ennepetal-Milspe sowohl eine Frühjahrs- als auch eine Herbstveranstaltung. Seit 1971 wurden die Schützentage regelmäßig im Herbst durchgeführt. Der Wechsel der Veranstaltungsorte gab zahlreichen Städten und Vereinen die Gelegenheit, sich als Gastgeber zu präsentieren. Zugleich lernten Mitglieder aus den verschiedenen Regionen Westfalens andere Teile des Verbandsgebiets kennen. Festveranstaltungen, Empfänge, Umzüge und gemeinsame Unternehmungen trugen dazu bei, die Verbindung zwischen den einzelnen Vereinen zu stärken.

Der erste Landesschützenkönig

Eine bedeutende Neuerung erfolgte 1975 beim Westfälischen Schützentag in Lüdenscheid. Dort wurde erstmals ein Landesschützenkönig ermittelt. Mit diesem Wettbewerb wollte der Westfälische Schützenbund eine alte Tradition erhalten und sie zugleich einer größeren Öffentlichkeit vorstellen. Teilnahmeberechtigt waren alle Schützenkönige, die zum Zeitpunkt des Wettbewerbs in den Mitgliedsvereinen des Verbandes amtieren. Geschossen wurde mit dem Luftgewehr freihändig auf eine Entfernung von zehn Metern. Jeder Teilnehmer gab fünf Schüsse auf Blattscheiben ab. Anschließend wurde der beste Treffer mit einer Teilermaschine ausgewertet. Diese konnte die Entfernung des Einschusses vom Mittelpunkt bis auf ein Tausendstel Millimeter genau bestimmen. Sieger wurde der Schütze mit der geringsten Abweichung.

Erster Landesschützenkönig wurde Alfred Otto, der damalige König der Detmolder Schützengesellschaft. Seine Proklamation bildete den Auftakt des „Grünen Abends“. Zu Beginn der Feier zogen 38 Königspaare in die Schützenhalle ein. Alfred Michaelis, der Präsident des Deutschen Schützenbundes, überreichte dem Sieger die neu geschaffene Landeskönigskette. Die Kette wurde anschließend jedes Jahr an den neuen Titelträger weitergegeben. Eine Gravur hielt jeweils das Jahr und den Namen des Landesschützenkönigs fest. So wuchs sie mit jedem Wettbewerb zu einem sichtbaren Zeugnis der Verbandsgeschichte.

Das Interesse am Landeskönigsschießen nahm rasch zu. Zum dritten Wettbewerb im Jahr 1977 meldeten sich 39 Teilnehmer an. 1979 waren es bereits 75 amtierende Schützenkönige, 1981 sogar 90. Der Wettbewerb etablierte sich damit innerhalb weniger Jahre als einer der Höhepunkte des Westfälischen Schützentages.

Ausflüge und Angebote für Frauen

Schon beim fünften Westfälischen Schützentag 1956 in Bochum wurde ein eigenes Programm für die Frauen und für jene Gäste angeboten, die nicht an der Delegiertenversammlung teilnahmen. Dazu gehörten eine Busfahrt zur Burg Blankenstein, der Besuch des Bergbaumuseums mit einer Führung durch die Mustergrube sowie die Möglichkeit, eine Vorstellung des Bochumer Stadttheaters zu besuchen. In den folgenden Jahren wurden solche Damenfahrten zu einem festen Bestandteil des Rahmenprogramms. Beim Schützentag 1971 in Lemgo führte eine Fahrt unter anderem durch die Umgebung von Lemgo und Detmold. Besucht wurden das Freilichtmuseum, bäuerliche Kulturdenkmäler und die Externsteine.

Anlässlich des 25. Westfälischen Schützentages 1974 in Siegen fuhren die Teilnehmerinnen durch das Siegerland. Die Strecke führte über Netphen und Brauersdorf zur Obernautalsperre, anschließend über die Eisenstraße nach Hilchenbach und zurück nach Siegen. Während die Delegierten tagten, lernten die Gäste auf diese Weise Landschaft und Sehenswürdigkeiten der Gastgeberregion kennen. Das Interesse an den Fahrten wuchs erheblich. 1975 standen in Lüdenscheid drei Omnibusse zur Verfügung. Auf dem Programm standen unter anderem der Aussichtsturm auf der Homert sowie Besuche in Meinerzhagen. Beim Schützentag 1976 in Warstein reichten drei große Busse bereits nicht mehr aus, sodass manche Teilnehmerinnen während der Fahrt stehen mussten. Ziele waren unter anderem die Bilsteiner Tropfsteinhöhle, die Hennetalsperre und eine Brauerei.

Beim Schützentag 1978 in Warendorf wurden sieben Busse benötigt, um rund 350 Frauen zu einer Reitsportveranstaltung zu bringen. Besucht wurden außerdem die Bundeswehr-Sportschule und das nordrhein-westfälische Landgestüt. Ein Jahr später standen in Dortmund bereits zehn Busse an der Westfalenhalle bereit. Etwa 500 Frauen nahmen teil. Wegen des großen Andrangs wurde die Gruppe auf verschiedene Ziele verteilt, darunter zwei Brauereien und eine Stadtrundfahrt. Auch 1980 in Bad Oeynhausen blieb die Damenfahrt ein wichtiger Programmpunkt. Sechs Busse starteten am Kurpark zu einer Rundfahrt durch das Weserbergland. Zu den besuchten Orten gehörten das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica und der historische Hof Koch in Dankersen.

Diese Zahlen zeigen, dass die Schützentage längst nicht nur Angelegenheit der offiziellen Vereinsvertreter waren. Sie entwickelten sich zu Veranstaltungen, an denen ganze Vereinsgemeinschaften teilnahmen.

Ein lebendiges Stück Verbandsgeschichte

Die Westfälischen Schützentage waren weit mehr als formelle Delegiertenversammlungen. Sie verbanden notwendige Verbandsarbeit mit feierlicher Repräsentation, Heimatpflege und persönlicher Begegnung. Das neue Bundesbanner erinnerte an die Verluste des Krieges und den gelungenen Wiederaufbau. Das Landeskönigsschießen gab einer alten Tradition eine neue, verbandsweite Form. Die Rahmenprogramme und Ausflüge öffneten die Veranstaltungen für immer größere Teilnehmerkreise.

Gerade diese Verbindung machte den besonderen Charakter der Schützentage aus. Sie schufen einen Ort, an dem sich Vereine aus ganz Westfalen begegnen, gemeinsame Werte pflegen und zugleich die Vielfalt ihrer Regionen präsentieren konnten. So wurden die Westfälischen Schützentage zu einem sichtbaren Ausdruck der Gemeinschaft und zu einem wichtigen Kapitel in der Geschichte des wiedergegründeten Westfälischen Schützenbundes.


Quelle: Karl Eckart - 150 Jahre Westfälischer Schützenbund (1861-2011)